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Wolfsland - die Lausitz

 

Wölfe faszinieren mich seit vielen Jahrzehnten. Schon als Kind hatte ich den Wunsch irgendwann einmal wilde, freilebende Wölfe zu beobachten. Leider kam es ein halbes Jahrhundert lang nicht dazu. Caniden begeistern mich unter anderem, weil mir ihr Verhalten und ihre soziale Intelligenz so menschenähnlich erscheinen. Auch wenn für mich Hunde und Wölfe oftmals "berechenbarer" als Menschen sind.

 

Die Rückkehr einzelner Wölfe nach Deutschland fand schon vor über 20 Jahren statt. Es waren Tiere aus Polen, wo der Wolf nie ausgestorben war, die westwärts durch die Oder schwammen. Seit dem Jahr 2000 gibt es wieder nachweislich Wolfsrudel, also territoriale Paare mit Nachwuchs in Deutschland und seit dieser Zeit habe ich dreimal den Versuch unternommen, einen Wolf zu sehen. Ausgangspunkt meiner Suche war die Umgebung von Bad Muskau in der Lausitz, da sich hier die ersten Rudel ansiedelten.

 

Nun, dreimal hat es nicht geklappt, aber die Zeit spielt mir in die Karten: Mittlerweile gibt es über 75 Rudel in Deutschland und damit wird die Chance einer Begegnung immer größer ...

 

 

Sechs Tage im ersten Wolfsrevier 

 

Ein Blick vom Beobachtungsturm auf den "Wolfsteich" in der Lausitzer Heide und Teichlandschaft. Ich verbringe knapp eine Woche in einem seit fast 15 Jahren durchgehend besetzten Wolfsreviers im Zentrum der Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft westlich zwischen Bautzen und Hoyerswerda. Der Teich, der sich quasi im Zentrum des Wolfsterritoirums befindet, liegt in einem Kiefern-/Heide-Waldgebiet, hat eine ausgedehnte Feuchtwiesenfläche an seinem Zulauf und beherbergt eine reichhaltige Avifauna.

 

 

In der Umgebung des Teiches brüten Seeadler, Uhu und Kranich. Seeadler, Kraniche, Sings- und Höckerschwäne habe ich jeden Tag lange beobachten können. Ein Uhu war allabendlich kurz nach Sonnenuntergang zu hören. In den ausgedehnten Schilfflächen, die den Teich umfassen kann man Rohrdommel, Rohrschwirl und Wasserralle hören. Im Heideberich in der Umgebung sieht man Wiedehopfe und Rotrückenwürger. Neben den hier brütenden Entenarten (Stock-, Schnatter-, Krick-, Tafel-, Reiherente) wurden zur Zugzeit von Vogelkundlern auch viele anderen Arten nachgewiesen. Auf den künstlichen Flößen im Nordteil des Teiches brüteten Flussseeschwalben, die jedoch alle angeblich vom Uhu geschlagen wurden. In diesem Jahr kam es zu keiner Flussseeschwalbenbrut. Zur Zugzeit können bei abgesenktem Wasserstand viele Limikolenarten beobachtet werden und allabendlich besuchen viele Kraniche den Teich zum Übernachten auf. Im Herbst rasten oft mehrere Tausend nordische Gänse (Saat-, Bläßgänse, gelegentlich Weisswangen- und Rothalsgänse) auf der Wasserfläche und den umliegenden Wiesen. 

 

 

Ich konnte in nur wenigen Tagen neben den vielen Vogelarten mehrere Waschbären, zwei Füchse, fünf Rehe, drei Hirsche, eine große Rotte Wildschweine, einen Marderhund, einen Baummarder und einen Mink von der Beobachtungskanzel beocbachten. Das alles macht den Teich und seine Umgebung natürlich auch für den Wolf sehr interessant. Die "Wolfsfachleute" vor Ort sagten mir, dass man - wenn überhaupt - an diesem Ort deswegen relativ große Chancen hat, Wölfe zu sehen. Aber selbst die Einheimischen, Jäger und Wildbiologen, die ich traf, waren einhellig der Meinung, dass es unheimlich viel Geduld und eine große Portion Glück braucht, um mal einen Wolf zu Gesicht zu bekommen.

 

Ich habe viele lange Exkursionen durch die Kernzone des Wolfrevier gemacht und auf Spuren oder gar eine Sichtung gehofft. Angst vor Wildtieren kenne ich bislang nicht und anscheinend beunruhigt mich auch die Anwesenheit von Wölfen in keiner Weise, aber ich spürte schon eine konzentrierte Anspannung im Körper und hatte hellwache Sinne, als ich mich einmal im Dunkeln lange nach Sonnenuntergang durch den Wald schlich, um vielleicht Wolfsgeheul zu hören. Leider brachen nur ein paar aufgeschreckte Hirsche, Rehe und ein paar Wildschweine durchs Unterholz. Als dazu noch ein Uhu rief, war es nahezu perfekt für mich. Nur ein Wolf fehlte ...

 

Gefährliches Mittagsschläfchen 

 

Fünf Tage lang stand ich morgens um 4:30 Uhr auf und verbrachte viele Stunden auf dem "Hochsitz". Ab Nachmittag dasselbe Prozedere: Ansitzen bis weit nach Sonnenuntergang. Mich strengte das ordentlich an und sorgte gegen Mittag auch für eine extreme Müdigkeit. Also ab zum Wohnmobil, um ein leckeres Essen zu kochen und dann ein Mittagsschläfchen machen. Das hat auch immer gut getan - bis zum letzten Päuschen: Ich war gerade am Einschlummern, als es nach einem längeren Regenschauer mit einigen leichten Windböen plötzlich zu knarren und zu knarzen begann. Anfangs habe ich mich geärgert, dass ich wegen des Geräuschs nur im Halbschlaf vor mich hindöste und dann war ich nach einer weiteren Sekunde hellwach: Es knirschte fürchterlich, rauschte sehr laut und dann gabe es einen ohrenbetäubenden Rumms! Einigermaßen unsicher, woher das Geräusch kam bin ich dann aus dem Auto gekrabbelt und staunte nicht schlecht: Keine zehn Meter neben dem Wohnmobil lag eine große nadellose Kiefer quer über dem Weg, die Krone war nicht weit von meinem Parkplatz entfernt. Um ehrlich zu sein, war ich leicht geschockt, denn wenn der Baum auf das Autodach gefallen wäre, hätte ich wahrscheinlich einen Totalschaden am Fahrzeug gehabt und vielleicht wäre es mir persönlich auch nicht so gut ergangen. Glück gehabt! Ich habe dann längere Zeit versucht, einen zuständigen oder wenigstens hilfsbereiten Menschen mit Motorsäge zu finden. Erst gegen Abend tauchte der Waldbesitzer persönlich auf und machte den Weg wieder frei. 

 

Irritierend war, dass ich einen Tag später bei einer kleinen Radtour ebenfalls fast von einem herunterfallenden großen Ast getroffen worden wäre. Ich hielt das alles jedoch für ein gutes Omen: Bei so viel Glück sollte es Fortuna doch auch bezüglich meiner lang ersehnten ersten Wolfssichtung gut mit mir meinen...

  

Spuren im Sand 

 

Es war schon recht aufregend für mich, die vielen Spuren bzw. Pfotenabdrücke auf den sandigen Wegen zu entdecken: Der Unterschied zwischen einem Wolfspfotenabdruck und der eines großen Hundes ist nicht immer leicht zu erkennen. Man braucht schon Erfahrung und muss die individuellen Ballen und Krallen-Proportionen kennen, um das sicher zuordnen zu können. Im Fall der Spur, die ich hier fotografiert habe, war es recht einfach - es lag Wolfslosung, also Wolfskot daneben.

 

Die Vorderpfote eines ausgewachsenen Wolfes ist zwischen 8 bis 12 cm lang und 6,5 bis 10,5 cm breit (gemessen ohne die Krallenabdrücke). Der Abdruck der Hinterpfote ist kleiner, ca. 1 cm kürzer und schmaler als die Vorderpfote. Aufgrund der europäischen Reviergrößen von 75 bis weit über 200 km² laufen Wölfe häufig über lange Distanzen (bis zu 60 km am Tag) und mit nahezu konstanter Geschwindigkeit im "geschnürten Trab". Diese Gangart ist sehr energiesparend und verläuft recht gradlinig. Hierbei werden die Hinterpfoten genau in die Abdrücke der Vorderpfoten gesetzt und hinterlassen damit das oft zu findende Doppel-Trittsiegel. Die Schrittlänge, also die Entfernung zwischen jedem zweiten Doppeltrittsiegel  ist beim geschnürten Trab in der Regel gleich und liegt bei mitteleuropäischen Wölfen etwa zwischen 1,10 m – 1,50 m. Wenn mehrere Wölfe gemeinsam unterwegs sind laufen sie sehr gerne hintereinander und treten dabei möglichst exakt in die Spur des Vorgängers.

 

Wenn Jungwölfe ihr Rudel, also ihre Familie, verlassen müssen, um sich eigenen Reviere zu suchen, legen sie oft große Strecken zurück. Bekannt ist beispielsweise die "Reise" des besenderten männlichen Jungwolfs "Alan": Er lief von seinem elterlichen Rudel in der Lausitz in weniger als sechs Monaten 1.500 Kilometer nach Nordosten, bis sich seine Spur in Weißrussland verlor.

 

Die Hauptnahrung der Lausitzer Wölfe besteht aus wildlebenden Paarhufern (95 Prozent). Das Reh bildet den wichtigsten Nahrungsbestandteil (53 Prozent), gefolgt von Rothirsch (21 Prozent) und Wildschwein (18 Prozent). Hasenartige (Feldhase und Wildkaninchen) machen einen Anteil von vier Prozent aus. Der Anteil von Haustieren (vor allem Schafe) und mittelgroßen Säugern, wie Nutria, Rotfuchs und Marderhund lag bei Untersuchungen in der Lausitz unter einem Prozent! (Quelle: Wikipedia)

 

Vier Tage im zweiten Wolfsrevier

 

Ich war nicht enttäuscht, im ersten Territorium keine Wölfe gesehen zu haben, obwohl ich lange und intensiv auf dem Hochsitz saß und auch ewig im Revier umhergestreift bin. Ich hatte mich damit abgefunden, dass es wieder nicht klappt, war aber auch sehr glücklich über die vielen Wolfsspuren und die "Hinterlassenschaften" - das liest sich jetzt bestimmt seltsam...

 

Auf dem Weg nach Bautzen hatte ich endlich wieder einen funktionierenden D1-Internetzugang und recherchierte noch ein wenig zum Thema "Wölfe in der Lausitz". Mir fiel wieder ein, dass ich 2015 aus einem Krankenhaus heraus einmal Mail- und Telefonkontakt zu einem Naturführer hatte, der auch "Wolfstouren" in der Lausitz anbot. Aufgrund meines damaligen gesundheitlichen Zustands ist das aber wieder in Vergessenheit geraten. Ich hatte aber noch den Namen im Kopf und nachdem ich ewig kreuz und quer recherchiert hatte, entdeckte ich einen Hinweis zu einem Wolfsterritorium nördlich von Hoyerswerda. Mit etwas Glück kam ich genau an die Stelle, die auch einigen Leuten aus der "Wolfsszene" bekannt war. Und siehe da: Bereits am ersten Abend tauchte auch Stephan, der Wolfsguide, dort auf. Er konnte sich sogar an unser Telefonat erinnern. Ich war am richtigen Ort!

 

 

Vier Tage hatte ich für das zweite Wolfsrevier eingeplant, aber bereits am ersten Abend war es dann endlich soweit: Meine erste Beobachtung von wild lebenden Wölfen! Insgesamt habe ich sieben verschiedene Jungwölfe im geschätzten Alter von drei bis vier Monaten gesehen. Erfahrene Beobachter vor Ort berichteten mir, dass es ursprünglich neun Welpen waren. Unglaublich war das gute Auge von Stephan, der alle Wölfe immer als erster entdeckte. Die Übung bzw. die Erfahrung macht's! Auch das, was er über Wölfe allgemein und speziell über die Situation in der Lausitz erzählte, war sehr interessant. Es ist bestimmt ein tolles Erlebnis, eine von ihm geführte Wolfsexkursion zu machen - den entsprechenden Link findet man unten ...

 

Ich hatte wirklich viel Glück: An zwei Abenden und zweimal früh morgens war ich zur Beobachtung an der Abbruchkante eines verschütteten ehemaligen Braunkohleabbaugebiets und habe jedesmal mehrere Wölfe über einen längeren Zeitraum gesehen! Maximal waren es sieben Jungtiere, die ich zeitgleich hervorragend durchs Fernglas beobachten konnte. Die fotografische Ausbeute ist allerdings bescheiden, aber das war auch so geplant: Es war zum Fotografieren mit meiner kleinen Ausrüstung ohne Stativ einfach zu dunkel in der Dämmerung. Deshalb habe ich es erst gar versucht, viele Bilder zu machen, sondern mich auf die Beobachtung mit dem guten Fernglas konzentriert! Ein paar körnige und verwackelte "Beweisfotos" gab es dennoch :-)

 

Vier Wölfe kurz vor Sonnenaufgang
Vier Wölfe kurz vor Sonnenaufgang
Sechs von sieben ...
Sechs von sieben ...
Junger Wolf kurz vor Sonnenuntergang
Junger Wolf kurz vor Sonnenuntergang
Noch vor Sonnenaufgang: Kraniche, Stockenten und ...
Noch vor Sonnenaufgang: Kraniche, Stockenten und ...

Info zum europäischen Grauwolf in Deutschland


Im Erfassungsjahr 2017/2018 wurden bundesweit 75 Rudel, 33 Paare und 3 residente Einzeltiere erfasst. Man geht daher von 111 besetzten Territorien aus. In 67 Territoren gab es Nachwuchs mit insgesamt 268 Welpen. Alle Zahlen stammen von der DBBW, der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf. Die "echten" Zahlen - insbesondere die, der residenten Einzeltiere - werden wohl etwas höher liegen.

 

 

Die Geschichte der Wölfe in Deutschland: 

 

1850: Ab diesem Zeitpunkt gibt es keine Hinweise mehr auf deutsche Wolfspopulationen, bzw. Rudel.

1904: Hoyerswerda - der „letzte“ Wolf Deutschlands wird erschossen.

1945-1990: Insgesamt werden 22 eingewanderte Wölfe erschossen: neun in der BRD, 13 in der DDR.

1990: Mit der Wiedervereinigung steht der Wolf in ganz Deutschland unter gesetzlichem Schutz.

1990-1999: Mindestens acht Wölfe werden illegal geschossen, zwei werden überfahren.

1994: Auf der polnischen Seite der Muskauer Heide in der Lausitz/Sachsen wird eine erwachsene Wölfin erschossen.

1998: In der Muskauer Heide (Sachsen) werden erstmals zwei Wölfe gesehen.

2000: Das Wolfspaar in der Muskauer Heide hat Welpen. Mit diesen Welpen entsteht das erste Wolfsrudel in Deutschlands freier Wildbahn seit der Ausrottung. Das Jahr 2000 gilt daher als das Jahr der Rückkehr der Wölfe. (Quelle: NABU) 

21.08.2019: Die ersten deutschen Wölfe werden von Jörg Rüblinger mit dem Fernglas beobachtet - eine Sensation! Und es wird noch besser: Es sind vier längere Beobachtungen von sieben Jungwölfen bei guten Sichtverhältnissen an nur drei Tagen!

 

 

Wolf-Links:

 

Mein eigener Blog-Artikel

DBBW - Dokumentations- u. Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf

Wolfsite - Wölfe in Deutschland: Eine tolle und informative Seite des leider Ende August 2019 verstorbenen Wildtierforschers Ulrich Wotschikowsky

Wolfland Tours - bietet fachlich hervorragende Exkursionen durch erfahrene Biologen in Wolfsreviere an


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