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Klimawandel und Wohnmobilreisen - ein Konflikt?

Der trockene "Jahrhundertsommer 2018"
Der trockene "Jahrhundertsommer 2018"

Kann man noch "nur zum Spaß" Autofahren, wenn man den Zusammenhang von Treibhausgasen und dem Klimawandel verstanden hat? Mit einem schweren Wohnmobil einfach so durch die Gegend fahren, weil man sich den Luxus leisten und sich "etwas Schönes gönnen" möchte? Reisen und Urlaub machen auf Kosten des Weltklimas? Schwierige Fragen, die sich eigentlich jeder stellen müsste...

 

Ok, ich oute mich: Ich habe ein schlechtes Gewissen - wirklich! Und das aus gutem Grund. Deshalb kann ich für mich die Eingangsfrage beantworten: Ja, es ist ein Konflikt, in dem ich mich befinde! 

 

Mein ganzes Leben lang versuche ich, mich einigermaßen „umweltverträglich“ zu verhalten – es klappt einfach nicht. Nicht annähernd und schon gar nicht mit der nötigen Konsequenz. Seit ich für mich persönlich zu der Erkenntnis kam, dass wir Menschen uns wirklich in allen Lebenslagen einschränken müssen, wenn wir den Planeten für die nächsten Generationen wenigsten ein wenig so erhalten wollen, wie wir ihn übernommen haben, plagt mich das schlechte Gewissen!

 

Vor 20 Jahren habe ich den Zusammenhang von CO2 Ausstoß und Treibhauseffekt verstanden und verzichte seither konsequent auf das Fliegen. Jetzt kann man sagen: "Der Rüblinger, der ist ja auch schon um die ganze Welt geflogen – der hat leicht reden". Stimmt einerseits, andererseits bemühe ich mich jedoch, mich in Abhängigkeit von meinem jeweiligen Kenntnisstand zu verhalten. Wenn ich etwas verstanden habe, bemühe ich mich auch entsprechend zu handeln und zu agieren. 

 

Ich versuche, mich in meinem Konsumverhalten dort einzuschränken wo es mir möglich ist – auch wenn es manchmal schwer fällt. Ich fliege also aus Klimaschutzgründen nicht mehr, esse ungefähr genauso lang so gut wie kein Fleisch, reduziere stark meinen Strom-, Gas- und Wasserverbrauch, konsumiere generell wenig und wenn, dann möglichst nachhaltig und ich vermeide möglichst konsequent „unnötige“ Fahrten mit dem Auto im Alltag.

 

Und spätestens bei dem letzten Beispiel klingt es und ist es vielleicht unglaubwürdig und verlogen…

 

Ja, ich fahre Auto. Eigentlich ohne ein bestimmtes Ziel  erreichen zu wollen. Einfach so durch die Gegend. Und dann auch noch ein 3,5 Tonnen schweres Wohnmobil. Das Fahrzeug ist zwar für diese Gewichtsklasse mit < 8 Liter Verbrauch auf 100 km sehr sparsam und hat auch die Euro6 Abgasnorm, aber es ist, was es ist: Ein Auto mit Diesel-Verbrennungsmotor. Eigentlich war mein Plan, mir ein kleines E-Mobil für den Nahverkehr zu kaufen, weil ich mittlerweile sehr schlecht gehen kann, aber es kamen andere Lebensumstände dazwischen: Durch die Begegnung mit Andrea, meinem Umzug aus dem Rhein-Main-Gebiet ins niedersächsische-niederländische Grenzgebiet und meinem immer schlechter werdenden Gesundheitszustand haben sich die Pläne und Ziele für mein Restleben verändert: Ich will noch ein wenig mit Andrea "erleben" und dazu gehört auch das Reisen, solange ich noch dazu in der Lage bin. Purer Egoismus oder der verständliche Wunsch eines chronisch Kranken mit Herzschwäche und stark eingeschränkter Lebenserwartung? Ich kann es nicht sagen...

 

Lieber wären mir (wie früher) ja ausgedehnte Fahrrad- und Rucksacktouren gewesen, aber das schaffe ich körperlich leider schon lange nicht mehr. Also habe ich mir ein kleines Wohnmobil gekauft, um Orte zu erreichen, die ich gerne einmal sehen wollte. Aber es ist wie immer in meinem Leben: Entscheidungen erfordern meist ein Abwägen und sie sind oft mit Kompromissen verbunden. Und genau deswegen habe ich tatsächlich ein schlechtes Gewissen!

 

Um damit einigermaßen umgehen zu können, führe ich mein deutlich eingeschränktes Konsumverhalten fort, bemühe mich so wenig Energie wie möglich zu verbrauchen, fliege auch weiterhin nicht und werde ab sofort meinen „persönlichen CO2 Fußabdruck“ vollständig kompensieren. Zumindest rechnerisch… 

CO2 Kompensation


CO2-KOMPENSATION - zweifelhafter Ablasshandel oder gute Tat?

 

Ich komme mit meiner Wohnung, meinem Konsumverhalten und den zuletzt zurückgelegten großen Wohnmobilreisen auf insgesamt knapp unter 8 Tonnen CO2 Emission jährlich. Das ist schon deutlich unter dem deutschen Durchschnitt (~12 t), aber immer noch fünfmal so hoch wie der des "Durchschnitts-Inders". Und genau diesen persönlichen Emissionsbetrag von 8 Tonnen CO2 sowie den von Andrea, der deutlich niedriger ist (weil sie ja im selben Auto wie ich sitzt) werde ich komplett „kompensieren“. Das bedeutet, dass ich mir ein besseres Gewissen erkaufe - Ablasshandel halt, oder?

 

Es gibt über mehrere (überprüfte, seriöse und absolut transparent arbeitende) Organisationen die Möglichkeit, in verschiedene CO2 "sparende" und CO2 „verbrauchende“ Projekte zu investieren. Man fördert mit seinem Geld nachhaltige und "saubere" Energietechnologien ohne CO2 Emission oder finanziert damit z.B. die Aufforstung von Wäldern, die das CO2 wieder aufnehmen und in Sauerstoff umwandeln.

 

Ich werde damit nicht die Welt retten, aber wenigsten möchte ich mein schlechtes Gewissen ein ganz klein wenig mindern und vor allem auch sinnvolle Projekte zur CO2 Reduktion unterstützen! Das Auto stehen lassen wäre allerdings noch effektiver - das ist mir auch klar!

 

Die CO2-Kompensation löst das eigentliche Problem des viel zu hohen CO2-Ausstoßes nicht. Einige Kritikpunkte:

  • Die Kompensation kann evtl. nur einen Anstieg der CO2-Emission abmildern, senken kann man die Gesamtemission mit den meisten Maßnahmen nicht.
  • Die versprochenen Kontrollmechanismen sorgen nicht für eine realistische Zuordnung der emittierten und der kompensierten CO2-Menge.
  • Es ist darüber hinaus unklar, ob die CO2-Emission durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe mittels Waldprojekten überhaupt kompensiert werden kann. Aufforstungen und Anpflanzungen können auch  fehlschlagen und das eingebundene CO2-Gas erneut emittieren.
  • Die Qualitätskriterien und Kontrollmechanismen sind schwer zu überwachen und umzusetzen.
  • Die positiven Auswirkungen müssten eigentlich irreversibel sein, Aufforstungsprojekte stellen daher vielleicht gar keine dauerhaft greifenden Kompensationsprojekte dar.
  • Wirklich sinnvoll ist nicht die Kompensation, sondern die echte Vermeidung von zusätzlicher CO2-Emission zu sein: Die Reduktion der Verbrennung fossiler Brennstoffe. Da wäre die Finanzierung alternativer und nachhaltiger Energiegewinnungsprojekte wohl deutlich sinnvoller.

 

Alles nicht so einfach ... und über das NOx Problem mit meinem Dieselfahrzeug habe ich noch gar nicht geschrieben!

 

Im Internet findet man einige Alternativen für die Berechnung des eigenen CO2-Verbrauchs und zur Kompensation.

Studie Über die Ökobilanz von Wohnmobilreisen


Wie umweltfreundlich ist "Camping" bzw. das Reisen im Wohnmobil?

 

Eine Studie aus dem Jahr 2013 des Öko-Institut Darmstadt e.V. untersuchte die Auswirkungen von Wohnmobil-Reisen auf Energieverbrauch und CO2-Emissionen.

 

Die Studie geht von statistisch ermittelten Werten aus: Die "durchschnittliche" Wohnmobil-Reise machen zwei Personen im Sommer mit einer Dauer von 12 Tagen. In dieser Zeit werden durchschnittlich 1.600 km zurückgelegt.

Zusätzlich wurde noch eine acht Tage dauernde 1.400 km lange Winterreise in Berge in die Analyse miteinbezogen.

 

Verglichen wurden in dieser Studie folgende "Reisearten":

  • Wohnmobil und Stellplatz,
  • Wohnmobil und Campingplatz,
  • PKW und Hotel,
  • PKW und Campingplatz,
  • Reisebus und Hotel,
  • Flugzeug in Kombination mit Mietwagen und Hotel,
  • Schiffskreuzfahrten.

Interessant ist der Trend der letzten Jahre zu leichteren und damit umweltfreundlicheren Wohnmobilen, sowie der Trend zur Energieversorgung mittels Solaranlagen. Die Ergebnisse der Studie kommen auf einen Gesamtverbrauch von 3,5 kWh pro Tag im Sommer und auf einen nur unwesentlich erhöhten täglichen Winterverbrauch von 3,5 kWh. Bemerkenswert ist der direkte Vergleich mit dem durchschnittlichen Energieverbrauch von 53,7 kWh/Tag in einem deutschen Hotel ohne Frühstück!

 

Die Studie gibt auch "Green-Travel"-Tipps zur Energieeinsparung im Umgang mit Wohnmobilen (Fahrweise, Reifendruck, Schmierstoffe, etc) sowie Information zur weiteren CO2-Einsparung durch eine entsprechende Verhaltensweise am Urlaubsort.

 

 

Das Ergebnis der Studie ...

 

ist, "..., dass trotz technischer Fortschritte in allen Bereichen, der Urlaub im Wohnmobil eine umwelt- und klimafreundliche Alternative zu Fernreisen insbesondere mit dem Flugzeug bleibt." ... „Dabei fällt der Umweltvorteil umso höher aus, je mehr Personen gemeinsam im Wohnmobil reisen und je kürzer die Wegstrecke zum Reiseziel ausfällt“. (Ok - Letzteres klingt logisch !)

 

Pro Nacht im Wohnmobil stehen ca. 1,5 kg CO2-Äquivalent einer Hotelübernachtung mit 17 kg CO2 (!) gegenüber.

 

Ein Campingurlaub mit einem kleinen Wohnmobil bzw. eine PKW-Reise mit Caravan stellen also durchaus eine interessante umweltfreundliche(re) Alternative zu anderen Reise- und Urlaubsformen dar!

Quelle: Daniel Bleher, "Vergleichende Klimabilanz von Motorcaravanreisen – heute & morgen"Öko-Institut e.V. Büro Darmstadt, Februar 2013 (Siehe Link)


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Kommentare: 1
  • #1

    MB (Dienstag, 19 März 2019 16:36)

    Sehr selbstkritisch und ehrlich. Wichtiges Thema, das viele leider total verdrängen. Letztlich ist die Kompensation schon eine Möglichkeit, vielleicht doch einen Kompromiss zu finden! Du hast recht: alles nicht so einfach!