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Urlaub und Reisen - alles rosig und toll?

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Schöne Fotos auf denen meist die Sonne scheint - na, da geht es doch jedem gut, oder? Was hinter der Kamera los ist, interessiert in der Regel die meisten Betrachter von Bildern nicht. Das Foto mit seiner Wirkung ist entscheidend. Ist es informativ oder langweilig, erzählt es eine Geschichte oder ist es nichtssagend, ist es ästhetisch ansprechend oder nur schlecht geknipst - kurzum: gefällt es oder nicht? Wer hinter der Kamera steht und unter welchen Bedingungen ein Bild entstand, erfährt man aber so gut wie nie.

Ich habe schon seit meiner Kindheit viel Freude daran, Fotografien anzuschauen. Woher das kommt weiß ich nicht, aber scheinbar bin ich vorrangig visuell geprägt und versuche ständig mit meinen Augen so viel wie möglich zu erfassen. Ich habe leider kein fotografisches Gedächnis, aber wohl das Talent "meine Bilder" (also all das, was ich mal gesehen habe) dauerhaft und auch nach sehr langer Zeit erstaunlich gut abrufbar abzuspeichern. Eigentlich bräuchte ich nicht ständig fotografieren, aber es bereitet mir einfach einen Riesenspaß, wenn ich beim Blick durch eine Kamera alles irgendwie noch besser "fokussieren" kann. Genauso gerne schaue mir Fotos von anderen Fotografen an und interessiere mich bei vielen eindrucksvollen Bildern auch für deren Entstehungsgeschichten, sowie für die Biografien der Fotografen.

 

So, eigentlich wollte ich hier nicht über meine Leidenschaft für's Fotografieren schreiben, sondern über die Hintergründe dieser Reise. Ich muss nicht mehr überlegen, ob ich mit meinen gesundheitlichen Problemen an die Öffentlichkeit gehe - ich habe es schon Ende 2014 auf meiner Homepage www.joerg-rueblinger.de getan. Sie entstand damals in einem Isolierzimmer der Greifswalder Universitätsklinik, in der ich über vier Monate verteilt eine spezielle Therapie erhielt. Hier kann man auch etwas über meine Krankheit erfahren.

 

Ich habe die sehr komplexe und bei mir leider atypisch verlaufende rheumatische Autoimmunerkrankung SLE (Systemischer Lupus Erythematodes), die u. a. auch für meine schwere Herzmuskelschwäche, die ich seit 1999 habe, verantwortlich ist. Die Krankheit ist nicht heilbar und der Herzmuskel lässt sich leider auch nicht mehr verbessern. Meine Prognose ist suboptimal und der körperliche Zustand oftmals sehr bedenklich.

 

Diese Wohnmobil-Tour, von der ich seit mindestens 18 Jahren träume, habe ich nur durch und mit Andrea realisieren können. Wenn ich ihr nicht begegnet wäre, wäre es düster geworden in meinem Leben und die Entscheidung, ein neues Wohnmobil zu kaufen, um damit durch "die Welt" zu fahren, wäre mit Sicherheit nie getroffen worden.

Ich weiß nicht wie und auch nicht wie lange der weitere Verlauf von "Hesslingers-Reise" sein wird, aber ich weiß, dass es die beste Entscheidung war, die ich in den letzten zwei Jahrzehnten getroffen habe.

 

Und falls du, Andrea, zufällig jemals diese Zeilen lesen solltest: Ich liebe dich und ich danke dir für jede Sekunde, die du mir schenkst! Nur das mit dem "... von ganzem Herzen" bekomme ich leider nicht mehr hin.  ;-)

 

Nun, hinter meiner Kamera sieht es oftmals ganz anders aus, als es die Fotos von schönen und sonnigen Landschaften vermuten lassen: Ich habe häufig mit schweren Herzrhythmusstörungen und mit einer sehr schlechten Herzpumpleistung zu kämpfen. Ich kann wegen Schwindel- und Übelkeitsattacken in den schlechten Phasen fast nicht mehr geradeaus schauen, bekomme kaum noch Luft und auch im Kopf fehlt der Sauerstoff, sodass ich in solchen Momenten manchmal so gut wie nicht mehr ansprechbar bin. Die Hände und Füße werden blau und taub, an den Beinen bilden sich heftige Ödeme. Zum Glück kündigen sich diese Zustände bisher immer an, bevor es richtig schlimm wird - ich gefährde daher weder andere noch mich akut und für den unvorhersehbaren plötzlichen Notfall habe ich ja einen implantierten Defibrillator bei mir. Blöd ist es aber, wenn ich mit Ausrüstung und voller Tatendrang loslaufe und es mich dann unterwegs erwischt. Es ist die extreme Leistungsschwäche, die mich letztlich auch psychisch fix und fertig macht. Selbst kleine Spaziergänge sind in den schlechten Phasen, die durchaus mehrere Tage anhalten können, nicht möglich. Immer häufiger geht es mir mit dem Kreislauf und den Arrhythmien so mies, dass ich gar nicht mehr gehen und stehen kann. Also heißt es dann immer wieder abwarten bis es mir etwas besser geht (diese Phasen gibt es zum Glück noch!), um dann mal mit der Kamera eine kleine Runde zu drehen und die Sehenswürdigkeiten anzuschauen.

 

Superdoof ist für mich als Naturliebhaber darüber hinaus noch die Tatsache, dass ich auf Grund der Grunderkrankung und auch zusätzlich wegen einiger Medikamente eine sehr starke Sonnenlicht-Unverträglichkeit habe, bei der selbst Sonnencreme mit LF 100 (ja, das gibt es mittlerweile) nicht wirklich weiterhilft. Lediglich der Kack-Hut, das am Körper klebende langärmlige Hemd, die lange Hose, die Socken und die geschlossenen Schuhe schaffen es, dass ich nicht ständig wie ein roter Lobster herumlaufe. Leider funktioniert das mit dem Verhüllen aus vielerlei Gründen nicht immer so konsequent, daher habe ich immer wieder mit bösen Sonnenbränden zu kämpfen, die - wenn ich Pech habe - sogar neue Entzündungsschübe der Autoimmunerkrankung auslösen können.

 

Wenn ihr euch fragt, warum ich das alles hier im Reiseblog schreibe: Die Krankheit spielt leider auch bei der Reiseplanung eine große Rolle. Wir haben den ersten Abschnitt unserer Tour nach neun Wochen beendet und sind nun für ein paar Tage zuhause in Niedersachsen. Ich muss mich dringend mit der "Organisation" meiner Erkrankung beschäftigen: Wichtige Arzttermine sind wahrzunehmen und der Medikamentenvorrat muss dringend aufgefüllt werden. Aus Sicherheitsgründen verteile ich die Medikamente so, dass ich immer für mindestens eine Woche sicher versorgt bin - für den Fall, das uns etwas abhanden kommt, bzw. gestohlen wird. Im Auto ist der große Vorrat, ein weiteres Depot in meiner Kameratasche und noch eines in einer Tasche, die wir immer dabei haben, wenn wir das Auto verlassen. Die wöchentlichen Infusionen habe ich im Kühlschrank des Wohnmobils.

 

Ich schreibe das alles vielleicht auch, weil ich gerade ganz konkret darüber nachdenke, wie lange ich wohl noch mit Andrea reisen und mit einer Kamera durch die Gegend laufen kann. Denn seit den letzten beiden Wochen geht es mir gesundheitlich nicht so gut ...

 

Ich freue mich jedenfalls auf jeden neuen Tag!

 

Nichts geht mehr! (A)
Nichts geht mehr! (A)
Kommentare: 4
  • #4

    Kathrin (Freitag, 30 Juni 2017 21:31)

    Hallo Ihr Zwei,
    ihr habt wunderschöne Bilder und Erlebnisse, die ihr mit uns teilt. Vielen Dank! Ich wünsche Euch von Herzen eine baldige Weiterfahrt Richtung Norden. Ich hoffe und drücke Jörg die Daumen, dass die Gesundheit mitmacht.

  • #3

    Kite80 (Mittwoch, 28 Juni 2017 16:28)

    Ich finde es gut, dass du so offen schreibst. Es ist toll, dass ihr beide jetzt diese Reise machen könnt. Ich werde jedenfalls nicht bis zur Rente warten, um meine Träume zu verwirklichen...

    Übrigens finde ich den Blog echt gut!

  • #2

    marcel (Montag, 26 Juni 2017 19:54)

    wow, heftige geschichte! toller blog, tolle bilder! schöne liebeserklärung! man sieht meist nur die oberfläche von den dingen! alles gute euch beiden!

  • #1

    PetraL65 (Montag, 26 Juni 2017 12:23)

    Hallo, ich bin ganz begeistert von deiner Homepage und finde es großartig, dass du mit deiner Krankheit so offen umgehst. Du macht Menschen wie mir (ich habe auch schwer Rheuma) Mut.

    Wünsche euch Gesundheit und eine weiterhin tolle Fortsetzung der Reise!

    Grüße, Petra